15 Juni 2009 - 19:30

Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Gläubigen auf dem Tempelberg spitzen sich weiter zu.

Weitgehend unbeachtet von westlichen Medien verschärft sich seit Tagen im von Israel besetzten Ostjerusalem die Situation um die Al-Aksa-Moschee. Zum Schutz des jüdischen Laubhüttenfestes Anfang Oktober, zu dem rund 30000 Besucher aus aller Welt zu einem traditionellen Umzug durch Jerusalem angereist waren, blockierten rund 2000 israelische Polizisten den Zugang zur Moschee auf dem Haram Al-Scharif (Tempelberg) für männliche Muslime unter 50 Jahren. Unmittelbar unterhalb der Moschee liegt die von jüdischen Gläubigen verehrte Klagemauer (Westmauer). Man wolle dafür sorgen, daß keine Steine auf jüdische Gläubige geworfen würden, erklärte Polizeisprecher Micky Rosenfeld das massive Polizeiaufgebot. »Feindliche Elemente schüren Gewalt«, so Rosenfeld. Ende September war es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, nachdem eine Gruppe jüdischer Siedler demonstrativ in die Moschee eingezogen waren und palästinensische Gläubige auf dem Gelände sich geweigert hatten, den Eindringlingen Platz zu machen. Die Siedler hatten den Jom-Kippur-Tag (Versöhnungstag, dieses Jahr am 28. September) zum Anlaß genommen, den jüdischen Anspruch auf ganz Jerusalem und damit auch auf den Tempelberg zu bekräftigen. Teile des Geländes der Al-Aksa-Moschee hätten ursprünglich zum jüdischen Tempel gehört, so die Begründung. Die Polizei dementierte die Anwesenheit von Siedlern und sprach von einer Gruppe französischer Touristen, die auf dem Gelände seien, das stundenlang hermetisch abgeriegelt war. Augenzeugen der Vorfälle bestätigten jedoch, daß israelische Siedler die Moschee provokativ besetzt hatten. Die Korrespondentin der Irish Times, Michael Jansen, zitiert einen Anwohner, mit dem sie das Geschehen beobachtete. »Der ganze Ärger begann morgens um halb acht, als die israelischen Soldaten die Siedler auf das Gelände ließen und anschließend alle Tore schlossen.« Muslime in der Moschee und außerhalb begannen, Steine auf die Soldaten zu werfen, woraufhin diese mit Tränengas und Gummigeschossen zurückfeuerten. Scheich Abed Al-Azim Salhab von der Islamischen Stiftung, die für die Al-Aksa-Moschee zuständig ist, identifizierte die Besetzer des Moscheegeländes als Siedler aus Kiryat Arba, einer Siedlung bei Hebron. Sie seien nicht zum ersten Mal gekommen. »Die israelische Regierung will die Al-Aksa-Moschee unter ihre Kontrolle bringen, aber das wird nie geschehen.« Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) in Ramallah bestellte die ausländischen Botschafter ein und forderte diese auf, die fortlaufende Mißachtung des islamischen Heiligtums vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Jordanien, dem der Schutz der Al-Aksa-Moschee offiziell obliegt, bestellte in Amman den israelischen Botschafter zu einem offiziellen Protest ein. Sowohl das Völkerrecht als auch alle wichtigen Konventionen forderten den Schutz religiöser Stätten vor jeder Entweihung, erklärte der jordanische Informationsminister Nabil Al-Scharif gegenüber der staatlichen jordanischen Nachrichtenagentur JNA. »Wir verurteilen es, daß extremistische jüdische Gruppen und israelische Sicherheitskräfte immer wieder die Moschee besetzen«, sagte Al-Scharif. Das sei »eine Provokation, die Spannungen und weitere Gewalt schürt.« Im Jahr 2000 hatte der demonstrative Besuch des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon auf dem Tempelberg die zweite palästinensische Intifada ausgelöst. In einer Stellungnahme der Hamas zu den aktuellen Vorfällen hieß es, »alle Palästinenser, Araber und Muslime müssen sich zur Verteidigung unserer heiligen Stätten erheben und eine neue Intifada beginnen, um Jerusalem und die Al-Aksa-Moschee zu verteidigen.« Samir Awad, Politikprofessor an der Birzeit-Universität, erwartet keinen neuen Aufstand der Palästinenser, warnte aber: »Wenn die israelischen Provokationen in Jerusalem anhalten, wird es verstärkt zu religiös und patriotisch motivierten Auseinandersetzungen kommen.« Israel hatte die Altstadt von Ostjerusalem, in der die heiligen Stätten liegen, 1967 besetzt und annektiert, was international nicht anerkannt ist. Heute leben rund 200000 jüdische Siedler in Ostjerusalem, während immer mehr palästinensische Familien aus ihren Häusern geklagt und vertrieben werden. Weitere Siedlungsprojekte sind ebenso geplant wie eine teilweise unterirdisch liegende archäologische Anlage, dem das palästinensische Viertel Silwan zum Opfer fallen würde. Von Karin Leukefeld, Amman (junge Welt)